Montag, 14. Mai 2012

Mein neuer Kollege


Als ich morgens meine Bürotür aufschloss, war er endlich da. Mein neuer Bürokollege. Er hatte es sich schon auf meinem Balkon gemütlich gemacht, lag auf dem Rücken und machte seine Morgengymnastik. Er strampelte mit den Beinen in der Luft herum. Ich half ihm erstmal auf. „Hallo, ich bin Andrea! Du bist bestimmt der Peter!“ begrüßte ich ihn so jovial, wie es nur eine Sozialtrulla kann. Er hieß eigentlich gar nicht Peter. Aus Mangel an Kreativität hatte ich ihn so genannt. Aber als neuer Mitarbeiter wagte er keine Korrekturvorschläge zu machen und ergab sich still seinem Schicksal mit einem neuen Namen. Meine Hände wirkten fast klobig, als seine feingliedrigen Fingerchen zur Begrüßung in meiner Pranke verschwanden. „Typisch Bürohengste. Bauarbeiter wird der nie!“ dachte ich mir.

Zur Frühstückspause setzten wir uns wieder auf den Balkon. Peter lief wacker hin und her, wie wir Angestellten mit Bürokoller es halt so machten. Wie die stinkenden Geparden in ihren winzigen Zookäfigen. (Wer mag, kann hier dieses Gedicht von Rainer Maria Wilke gedanklich einfügen). Ganz dicht kam der mir trotzdem nicht vor. Also Peter, nicht Rainer.

Gegen 12:00 Uhr M.E.Z. passierte Peter langsam, aber fleißig die Sonnen-/Schattengrenze. Der Neue war etwas schweigsam, aber das war nicht schlimm. Ich brauchte neben dem Klientel nicht noch jemanden, der mir mit seinem Stuss die Taschen vollquatschte. Peter hielt erstmal die Klappe und beobachtete aus seinen kleinen verkniffenen Schweinsaugen die Gepflogenheiten in unserem Büro. Als es um 12 Uhr „Mahlzeit!“ hieß und wir uns alle anbei zu Tisch begaben, blieb der Neue an seinem Tisch sitzen. Er verweilte neben dem Rundordner und dem Ablagefach mit den Spinnenweben. In dem grauen Fach schlummerten die Papiere von Nörglern, die aus Zeitgründen erst im Winter 2016 bearbeitet werden konnten. Ich verbot Peter, sich daran gütlich zu tun und sich als Neuer nicht in laufende Arbeitsprozesse einzumischen. Er kam trotzdem nicht mit zu Tisch. „Vielleicht macht er ja eine Diät. Könnte er durchaus gebrauchen, bei dem dicken Körper!“ murmelte ich. Den Rest des Tages beobachtete ich ihn mit meiner Teetasse in der Pranke eingehend. Im Öffentlichen Dienst hat man für sowas ja noch Zeit. Dann musste ich in eine Sitzung, zu der Peter leider noch nicht mitdurfte.

Als ich gegen Ende der Kernarbeitszeit nach Peter gucken wollte, hatte der verdammte Maikäfer sich vom Balkon gestürzt und lag wieder zappelnd im Kies.

Donnerstag, 19. April 2012

Die Geister der Vergangenheit


Im April fiel er mir plötzlich wieder in die Hände. Ein Brief, den ich seit Wochen quer durch meine Wohnung schiebe. Ich hatte Post von meiner Kindergarten- und Grundschulfreundin bekommen. Ohne Briefmarke, als Absender nur einen weiblichen Vornamen, mit einem Kreis über dem „i“ anstelle eines Punktes. Zum Glück kein Herzchen. Es ist etwas gruselig. Allein schon der Gedanke, dass jemand, den ich seit meinem zehnten Lebensjahr nicht mehr gesehen habe, zum Einwohnermeldeamt geht, meine Adresse rausbekommt und den Brief nicht mit der Post schickt, sondern ihn persönlich in den Briefkasten wirft, finde ich schon etwas strange. Vielleicht bleibt sie noch an meinem Fenster stehen, in meinem Nacken und lauert mit fahlem Gesicht, während ich unbedarft auf dem Sofa hänge.

Natürlich werde ich ebenfalls neugierig. Ich befragte Meister Google und finde heraus, dass meine Grundschulfreundin, mit der ich zuletzt Polly Pocket und Verkleiden gespielt hatte, in einer Mietzeitschrift ein Portrait als Heldin des Monats bekommen hat, dort mit Mann und Kind vor ihrer verbrannten Einbauküche posiert. Sie hat den Brand nämlich zuerst gerochen und gemeldet. Stimmt, sie hat geschrieben, dass sie verheiratet ist. Und auch gleich wie sie ihren Typen kennengelernt hat, ihren beruflichen Werdegang. Wann sie wo jemanden getroffen hat, den wir gemeinsam kennen könnten. Aus der Grundschule. Es wird gruseliger, mein Nackenfell stellt sich auf. Sie sieht nicht aus wie 31, sondern mindestens wie 50. Sie rechtfertigt sich in ihrem Brief dafür, dass sie den Brief schreibt. Sie sei krankgeschrieben, nicht dass ich denken würde, sie würde nicht arbeiten! Sowas aber auch! Meine erster Gedanke war: Da schreibt jemand einen Brief. Sonntagmittag, weil einem langweilig ist. Oder man beim Aufräumen alte Fotos gefunden hat und von der Sehnsucht der Jugend überrannt wurde. Und nicht:

„Hah! Der Brief wurde hundertprozentig von meiner selten arbeitsuchenden Polly Pocket Grundschulfreundin mittags nach ihrer ersten Flasche Schnaps geschrieben!“

Hm. Sie zählt alles auf, was wir gemeinsam erlebt haben, mädchenhandschriftlich auf kariertem Papier. Seite um Seite Erlebnisse, die mich daran erinnern, dass ich jedesmal Beklemmungen kriege, wenn ich heute versuche, mit dem Auto heile durch den kleinen Ortskern meines Heimatdorfes zu schlingern. Es ist winzigklein. Ein Schlecker, ein Plus, ein Dorfgrill, eine Reinigung. Der Edeka hat zugemacht. Im Schreibwarenladen kaufen auch noch nach mir Generationen von bezopften Pferdemädchen ihren Lamyholzfüller und lernen in der kleinen Grundschule damit erste krakelige Figuren, später Buchstaben, auf das Papier zu schmieren. Einmal im Jahr findet das Dorffest statt. Neuerdings auch ein Oktoberfest. Für die Dorfjugend.

Ich schiebe den Brief weiter hin und her, quer durch die ganze Wohnung. Mal in meine Lernskripte, dann auf den Briefstapel im Beistelltischchen (Wer ist jetzt der Spießer?), von da aus in die Süßigkeitenschublade und wieder zurück. Ich beschließe, Experten im Umgang mit komischen Leuten zu befragen und lege den Brief in der Mittagspause meinen Arbeitskollegen auf den Tisch. Das Urteil ist eindeutig: Frustrierte Hausfrau ist verzeifelt auf der Suche nach Kontakt. Sie wird mit mir in Antons Bierkönig gehen wollen oder in mir ein neuntes Mitglied für ihren Kegelclub finden.

Ob ich ihr eine E-Mail schreibe? Aus Höflichkeit? Immerhin hat sie mir alle Kontaktmöglichkeiten aufgeschrieben, wenn man denn einen Menschen kontaktieren möchte. Von F wie Festnetznummer bis F wie Facebook. Aber was dann? Treffen? Eine Brieffreundschaft auf Karopapier mit Kringeln über dem „i“?  Und Snoopy-Köpfen, die aus einer 25 gemalt worden sind?

Es gibt doch einen Grund, warum man irgendwann nichts mehr miteinander zu tun hat? So knapp 20 Jahre. Wenn ich sie bei Facebook adde, dann habe ich eine weitere Karteileiche in der Freundesliste, die man aus falscher Höflichkeit wie die schäbige Geburtstagskarte der Oma im virtuellen Zigarrenkästchen aufbewahrt. Ich sehe mich mit einer gelangweilten Hausfrau auf einem senffarbenen Rollersofa schweigen und verschämt ein Tässchen Sanostol trinken. Während ihr Kind, das wie Polly Pocket aussieht, meine hippen lila Turnschuhe vollspeichelt. Es schaudert mich. 

Sonntag, 15. April 2012

Mit großer Freude ...

... habe ich beim Aufräumen ein kleines Mäppchen gefunden. Es ist schwarz angemalt, hat einen "Gott sei Punk" Aufkleber aus der Bravo vorne drauf. Der Inhalt ist voller Hormondrüsen, Pickel und pubertärem Anti-sein. Es enthält Geschichten aus meiner Jugend. Sorgfältig auf der Schreibmaschine in meinem Kinderzimmer in einem kleinen Zechenhaus in Dortmund getippt.

Ich kann diesen Schatz meinen lieben Lesern natürlich nicht vorenthalten und werde nach und nach ein paar Geschichten inklusive Originalrechtschreibfehlern hier einstellen. Der Begriff "Absatz" war mir damals leider unbekannt, aber ihr schafft das schon.

Die erste Geschichte gibt einen kurzen Einblick in meine Grundschulzeit. Ich habe sie glaube ich mit 12 oder 13 geschrieben, als ich genug Abstand zu allem hatte :)

"Nun möchte ich über meinen Anfang an der Grundschule berichten. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, daß die Einschulung in der Kirche vollzogen wurde. Alle waren unglaublich gespannt, und auch stolz von wegen !Ich bin jetzt so richtig erwachsen! Zum Glück stellten sie später fest, daß dazu noch knapp 1.50 m fehlten. Aber na gut, so war mein erster Schultag ganz ok. Doch erst nach einiger Zeit stellte ich fest, daß ich in ein Netz der Grundschulmafia gelangt war: Andauernd wollte die Schule Geld haben. Das Ganze wurde natürlich billig als SPENDEN abgetan,doch in Wirklichkeit war das doch Schutzgeld! Na  ja, naiv wie ich war, ging ich erstmal hin. Was ich an meinem ersten Tag noch sah war ein Nilpferd. Es stand vor der Kirche und wippte vergnügt mit dem Fuß. Nachher stellte sich heraus, daß das Ding mein Klassennilpferd, verzeih, meine Klassenlehrerin war. Wie sich bei näherer Beobachtung herausstellte, dank meiner eiskalten Recherchen, hatte das Nilpferd genau drei Haare an seinem Doppelkinn, die sich bei jedem Wort, das sie sagte, possierlich zwirbelten. Es waren zwei graue und ein weißes Haar. In meiner Klasse befanden sich sehr Marken bewußte Kiddies. Ihre Anführerin war Lisa, die sich als was besseres vorkam, weil ihr Dad ein hinterwäldlerischer Rechtsverdreher war. Ich mochte sie und ihre Oilily-Clique nicht und beschloß deshalb, mich mit Leuten abzugeben, die mir Nutzen sie sein konnten. Wie zum Beispiel Nadine. Sie ist Herzkrank und bekommt von ihren Eltern alles, was sie will. Damals (Ich war da knapp sieben oder acht ;) Damals!) waren es Barbie Puppen. Sie besaß echt alles:von der Barbie Baumwollunterwäsche bis zu ca 12 Pferdchen. Sie redete beim Essen immer soviel, daß sie zum Mittag ungefähr fünf Pommes aß.Nadine hatte soviele Macken, ich hätte sie fast einweisen lassen. Sie fing an, mit amerikanischem Akzent zu sprechen. Wie einmal, als ich just zu Weihnachten einen Game Boy geschenkt bekam. Sie bekam dann natürlich auch einen, den sie sich   aber mit ihrem Bruder teilen sollte (wegen einem Finanzproblem im Hause Schmitt:eine Barbie für 200dm) Thomas, ihr "Baby Brother", wie sie sagte, wollte spielen, durfte aber nicht und nahm Nadine das einzige Gameboy Spiel weg.  Nadine schrie: Mahma Mahma der Thoumäs giebt mie nicht sjupär Mäio Ländt wiedär." Dabei schrie sie wie aufgespießt und fuchtelte Thoumäs in seinem Brillengesicht rum. Thoumäs wehrte sich zutiefst und jammerte: Nich jätz wo ich so weit pin. Da merkte ich, daß die doch irgendwie hohl war, alle beide samt. Ich beschloß, daß Lena, keines der Oilily Kinder, von nun ab meine beste Freundin sein sollte.Dabei fällt mir auf, wie leichtsinnig man als kleines Kind (Wir erinnern uns: Ich bin da auch erst fünf Jahre älter.) Freundschaften schloß. Heutzutage (Jaha! mit 13 hat man die Weißheit mit Löffeln gefressen!) muss jemand erstmal einen strengen Test überstehen, bevor er in die Clique (Uuuh die peer-group aus der Jugendfreizeitstätte) kommt! Achja und Nadine war ein riesen Pferde-fan. So war sie auch schwer entzückt, als wir in der vierten Klasse aauf einen Reiterhof fuhren. ich habe natürlich einen Vorteil gehabt: ich besaß ein Pferd, das allerdings  z zu hause stand. Plötzlich bemühten sich alle Oililys rührend um mich. Nadine meinte aber, dasß sie ja alles besser könnte, da sie schon viel über Pferde gelesen hatte. So stapfte sie in einer pinken Leggins, einem türkisen Micky Maus Pulli, gelben Gummistiefeln (farblich sehr passend!) und einer viel zu großen Reitkappe in den Stall. Sie führte sich auf wie diese blonden Tussen in den Pony Heften. als sie Richtig Reiten wollte, fiel sie erstmal vom Pferd, als sie sich oben halten konnte,rutschte ihre tolle Reitkappe, die wie eine Suppenschüssel saß, ihr immer ins Gesicht. Mein Pf Pferd dachte, daß das Klassennilpferd ihr zubestimmt worden war und ging erstmal durch. So, jetzt habe ich keinen Bock mehr auf Schulgeschichten. Adois äh Adios!"


Man sollte sich nicht über die Kleidung seiner Mitschüler lustig machen!

In der nächsten Geschichte werde ich dann aus der Sicht einer hormongeschwängerten dreizehnjährigen Bravopunkerin ein Familienfrühstück farbenfroh beschreiben.

Donnerstag, 5. April 2012

Eulenkinder, hybride Banker und Red Bull


Ich sitze in einem dieser sich virulent verbreitenden Starbucks-Verschnitten im Hbf zu Köln. In denen die Kaffeebrühtanten nun Barista heissen und deren Angebot mich vollkommen überfordert. Ich trinke eine heiße Milch. Eigentlich hatte ich einen schöden, ganz normalen Kaffee mit Milch bestellt, bin mir aber aufgrund meines hippen Umfeldes nicht sicher, ob man den jetzt nicht so trinkt. So mit 90% Milchanteil. Die Jugend wird ja immer verweichlichter. Ich hadere fünf Minuten mit mir selber und lausche meinen Tischnachbarn, rechte Seite. 

Zwei Karrierehengste haben sich in ihrem feinen Zwirn auf die ledernen Sitze drapiert, schlürfen geziert an ihrem Espresso decaffinate, sehen dabei nicht aus wie George Clooney. Sie unterhalten sich über Hybride bei der Deutschen Bank, die man auf Apple Handys laden kann. Ich spitze die Ohren. Sollte bei meinem unfähigen und deshalb auch ehemaligen Postbankmitarbeiter auch nur ein Schaltkreis defekt sein? Das wäre zumindest eine Erklärung, warum der immer so grenzdebil durch die Gegend glotzt und mein Gehalt ins Nirgendwo geschickt hat. Irgendwie sah er ja auch aus Data von Raumschiff Enterprise. Obwohl, der war ja ein Android. Ich starre weiter in meine warme Milch. „Ja und wenn du deine Kunden dann mit dem 3 in 1 Hybridterminal ...“ brabbelt es verschwörerisch vom Nachbartisch herüber. Man blickt nach links und rechts. „Das gute alte Bahnhofscafé, der intime Ort für geheime Gespräche!“ denke ich. 

Ich stecke den Finger in die Milch, rühre um und forsche nach meinem Kaffee. Zum Schrecken der beiden Hipster-Eulenmädchen vom Nachbartisch, linke Seite. Die Brillengläser ihrer gefälschten Ray Ban Brillen spiegeln sich im Neon Licht, der Dutt steht wie bei den Teletubbies vom Kopf ab. Man mustert mich. Ich winke zu Lala und Dipsy herüber, mache entsprechende Geräusche. Man guckt schnell wieder weg. 

Ich beschließe, meine Milch umzutauschen. „Ja aber das ist ein Café au Läääää!“ quakt die Barista. „Nein, ich wollte einen Kaffee mit Milch.“ Wir einigen uns auf einen semi-hippen Kappukihno, ich setze mich wieder neben die Eulengesichter und höre ihrem langweiligen Geschwafel über Modeblogs zu. Als ob ich mir von so einem Eulengesicht-Klon Tips für meine Bekleidung geben lassen würde! Aber dafür haben sie ja die anderen Modeblog-Gören, die lobhudelnde Kommentare im Blog abgeben. Ein Modeblogkartell quasi. „FAKE!“ möchte der abgezockte, abgeklärte Internetjoviale von heute dazu kreischen, nachdem er ein paar Löffel voll Weißheit gefressen hatte. FAKE-Kreischer hasse ich eigentlich noch mehr als Eulenbrillenmädchen, fällt mir auf.

Leider muss ich irgendwann zum Zug. Nach Paris, wegen Modeblogs und so. Vor mir sitzt ein vom Herzschmerz Amour eingehülltes Mädchen und weint bitterlich. Bis in Aachen ihre drei Mitfahrer einsteigen. Dann weine ich. Ein Vater (er ist Arzt, weil er dauern von seiner Praxis erzählt) samt seinen zwei verzogenen Gören. Das größte Problem der Familie ist, dass der Mini des Sohnemannes mit einem Schaden in der Werkstatt steht. Man kann sich nicht entscheiden, ob die BOSE-Boxen denn auch mit dem iPhone funktionieren. Ich huste voller Hass mein Rosinenbrötchen in den Nacken der Heulsuse. Maximilian, der Spießersohn, sieht trotz seiner Bemühungen, mit zurückgegelten Haaren und Kassengestellbrille hip auszusehen, aus wie ein Maximilian halt aussieht. Der Zug fährt ihm zu langsam, was auch an seinem massiven Energiedrinkkonsum liegen könnte. „Ein RED BULL hat hier mehr Taurin als bei uns!“ -„Du alter Teufelskerl, dass dich das Taurin mal nicht aus deinen wildledernen Schnabelschuhen reißt!“ quake ich aus meiner Sitzreihe. Ich hoffe, dass er ravend aussteigt und den Zug anschiebt. vielleicht auch mit seinen gegelten Haaren am Speisewaggon hängenbleibt und mitgeschlörrt ... aber das wäre zu böse. Der Vater bestätigt mein Schubladendenken, er quasselt nur von seinem Youngtimer und der Mini-Reparatur von Spießersohn zwei. Jahrzehntelang aufgestauter Sozialneid steigt wie eines meiner Chakkren aus meiner Yogastunde vom Anus zu den Ohren auf, um sich über meinem Kopf in der Form eines Atompilzes zu entladen. Ich kann sie einfach nicht ab. Schon früher in der Disco konnte ich die Kackbratzen nicht leiden, die Wodka Red Bull für zehn Mark aus Papas Ärztegeldbörse (und damit meine ich jetzt kein Merch von den Ärzten!) getrunken haben. Mir blieb nur das gute Kronen Export für zwei Mark Fünfzich. Der Stachel sitzt noch tief! Und jetzt war ich zwangsweise drei Stunden mit diesen Trotteln im Zug eingesperrt. Ich hasste auch meinen Tinnitus dafür, dass ich grade keine Kopfhörer tragen durfte, um mich mental von Familie Energiedrink abzukoppeln.

Als eine dunkelhäutig Frau am Ärztevater vorbeigeht, quakt er vergnügt: „Na die war aber zu lange in der Sonne!“ Spießersohn 1 bezeichnet ihn folgerichtig als Nazi. „Ich bin doch kein Nazi!“ empört er sich, war ja alles nur Spaß! „Doch bist du.“ quake ich wieder aus meinem Sitz und funkele ihn böse an. Bis nach Brüssel. Durch die Sitzspalten hindurch. Ich bin müde, zerzaust, verschmiert und voller Katzenhaare. Er bekommt Angst. Wenigstens hält er jetzt seine Fresse. Die ganze Fahrt, bis nach Paris.

Ich sehe ihn später wieder, als er verängstigt mit Spießersohn 1 + 2 und seinem Touristenmäppchen an der Pigalle steht und nicht weiß, wohin er fahren soll. Er wird wohl immer noch in der Metro herumirren, Richtung Norden. Zwischen ganz vielen Leuten, die zu lange in der Sonne waren.


Sonntag, 5. Februar 2012

Lesung Armageddon in Aspik *update*

Liebe Gemeinde,

wie ihr sicherlich schon erfahren habt,  soll am 21.12.2012 die Welt untergehen. So zumindest die Fehlinterpretation des Maya-Kalenders. Mein werter Kollege  Mr. Pennywise (www.pennys-wochenrueckblicke.com) und ich nehmen dies zum Anlass, eine Lesereihe zum Thema Weltuntergang zu starten.



Nach jahrelangen Schulungen mit Survival-Readern und Endzeitfilmen steht die Abschlussprüfung für Frau Schweinemett und Mr. Pennywise unmittelbar bevor. Am 21.12.2012 geht die Welt unter. Während sich Frau Schweinemett mit ihrem treuen Begleiter, einem Waschpulverkarton mit dem Namen der hebräischen Feuerhand Gottes, am letzten Tag pflichtbewusst auf den Weg zur Arbeit macht und nebenbei auf der B1 Zombies niederknüppelt, stellt sich Mr. Pennywise in seinen gefürchteten Monatsrückblicken die Fragen nach dem Sinn und Unsinn von Listenbüchern, schwindenden Ressourcen und vor allem: "Warum prügelt sich Frau Schweinemett mit dem zickigen Kardinal Palpatine auf dem Kirchplatz?".

Die erste Lesung findet am 15.03.2012 im schönen Rasthaus Fink in Dortmund statt.
Einlass 19:30 Uhr, Beginn 20:00 Uhr (pünktlich ;))
Eintritt frei!

Weiter geht es am 04.05.2012 in der Heimat Hochfeld, Duisburg.
 Einlass 19:30 Uhr Beginn 20:00 Uhr (unpünktlich)
Eintritt frei!


Wir freuen uns!

Sonntag, 25. Dezember 2011

Weihnachten in Hörde


Schön war es zur Weihnachtszeit in Hörde. 
Der Schnee rieselte nicht in die Nasenlöcher der Anwohner, sondern leise vom Himmel herab und bedeckte gnädig den herumliegenden Müll, die zahlreichen Pfandfaschen und auch die im Rinnstein schlafenden Anwohner. Ich begann im meiner zwangsgestörten Art pünktlich wie jedes Jahr am ersten Advent mit der Weihnachtsdekoration:
Zentimeterdickes Schneespray an allen Fenstern, bunte Lichterketten, Keramikweihnachtsmänner sowie einer lilafarbenen Lacktischdecke mit aufgedruckten, goldenen Christbaumkugeln, Marke Stilsicher. Ich war die Familie Griswold aus dem Ghetto, meine Familie eher der Onkel Eddie. Der leise rieselnde Schnee wandelte sich über Nacht in ein ordentliches Schneegestöber und bedeckte nun auch knietief die Bürgersteige. Also musste ich Schneeschüppen. Wie jeden Tag. Wie jedes Jahr. Machte ja sonst keiner. Herr Breit linste aus seinem Badezimmerfensterchen und rief voller Anerkennung: „Das haste aber gut gemacht! Ich würde dir ja helfen, aber ich hab ja Rücken! Wegen der Zeche, weißte.“ „Ach fick dich!“ brummelte ich und stapfte erzürnt zurück in meinen Traum aus Kitsch und schaltete meinen blinkenden Waldorfkindergartenstern im Fenster an, um meinem Hass Ausdruck zu verleihen.
Ich stellte mich mit meinem Kater ans Fenster, guckte dem Schneetreiben und den taumelnden Alkoholikern zu. Dann kam mich der Geist der vergangenen Weihnacht kam besuchen. (Jetzt müsst ihr euch vorstellen, dass wie im Fernsehen bei einem Blick in die Vergangenheit das Bild mystisch verschwimmt!).
Ich habe ja seit frühster Jugend ein weihnachtliches Trauma. Es liegt nicht daran, dass die kleine Frau Schweinemett im Alter von vier Jahren heimlich ein Mon Chérie in die Tasche ihres Rüschenkleides gesteckt hatte und nach dem Verzehr das ganze Weihnachtsfest über wie ein Domspeiher kotzen musste. Nein, es lag an dem Plastiktannenbaum meiner Mutter. Meine Mutter hatte irgendwann die seltsame Anwandelung entwickelt, dass echte Tannenbäume BÄH sind, weswegen sie sich genötigt fühlte, sich im Wertkauf einen Plastiktannenbaum zu 20 Mark zu kaufen.
Und diesen jedes Jahr an Heiligabend mit einem lauten Getöse aus dem Kellergrab zu holen, in dem dieses Volldesaster aus grünem Plastik das Jahr über in vor sich hingeschimmelt hatte, um das Ungetüm dann zu entstauben und in unsere Stube zu stellen. Zu allem Übel hatte sie sich noch eine Lichterkette gekauft, an der man mittels eines Trafos in Weihnachtsmannform  verschiedene blechern quakende Melodien und Blinkgeschwindigkeiten einstellen konnte. An der Nase des Weihnachtsmannes konnte man zwischen den Stufen „Märchenhaftes Sternenglimmen“, „Geht so“, „Augenkrebs“ und „Epileptischer Anfall“ wählen. Meine Mutter verursachte bei uns unzählige Gehirnkrämpfe, bei dem sich die ganze Familie schaumspuckend zu „Glory Glory Halleluja“ auf dem Boden wand.
Als wir unsere Zungen abgebissen hatten, war es Zeit zum Essen. Es gab jedes Jahr Fondue. Jedes verdammte Jahr. Ich weiß, das ist Jammern auf hohem Niveau.  Die armen Kinder in Afrika haben ja nichts essen, weil sie aufgrund der ganzen weihnachtlichen Spenden verlernt haben, selbst mit ihren kleinen Händen den Acker zu bearbeiten und ich beklage mich über Mixed Pickles und eingelegte Möhrensalate mit Frühlingszwiebeln aus dem Glas. Nachdem meine Mutter den Tisch mit gräßlichen dunkelgrünen Fonduetellern aus den 60er Jahren gedeckt hatte, legte sie mit einem grenzdebilen Grinsen zur Stimmungsmache ihre Richard Claydermann CD auf (das ist ein französischer Unterhaltungspianist mit der Frisur vom kleinen Lord.) Sie summte verträumt und weiterhin wie meine Oma zu hochdementen Zeiten zu dem fürchterlichen Geklimpere herum, während sie beherzt ein Stück totes Tier im spritzenden Fett ausbuk. Meine Schwester und ich nölten herum, wanden uns unruhig auf den Stühlen hin und her. Erst Fondue, dann Geschenke! lautete das eiserne  Motto von Frau Claydermann. Mein Vater schwieg. Er hatte schon lange resigniert und ertrug seit Jahren neben Herrn Claydermann auch den alten Betroffenheitshippie Reinhard May, die bulgarische Wanderwarze Peter Maffay und Muttis Liebling Heintje.
Dem Christkind hatten meine Schwester und ich schon lange abgeschworen, da waren wir ganz abgeklärt. Wir hatten schon vor Jahren das geheime Geschenkelager im Bettkasten des elterlichen Schlafzimmers entdeckt, während die Eltern immer noch versuchten, den Schein zu wahren. „Oh, was das Christkind wohl für euch gebracht hat?“ orakelte meine Mutter, immer noch grenzdebil grinsend,  wild über ihren Mixed Pickles herum. „Das gibt’s doch gar nicht!!!“ krähte die kleine Frau Schweinemett und schüttelte die Zöpfe hin und her. Meine Mutter holte zum elterlichen Rundumschlag aus: “Wer nicht ans Christkind glaubt, der bekommt auch keine Geschenke!“ Wir beteuerten demütig und von den verpackten Geschenken geblendet unsere Zugehörigkeit zur Weihnachtssekte und enterten das Wohnzimmer. Bevor wir das Geschenkpapier zerrissen, wurde von außen eine genaue Inspektion samt Schütteltest vorgenommen. Wir blieben unserem Motto „Ihhh weiche Geschenke!“ stets treu, weil weiche Geschenke zu 100% hässliche Kleidung beinhalteten. Klapprige Geschenke waren interessant, Rechteckige, biegsame der literarische Zonk. Meine Eltern schenkten sich nichts. Wie Herr Breit und ich. Er schnorrte nur von mir. (Der mystische Nebel lichtet sich wieder!).
Mein Nachbar Herr Breit entpuppte sich auch in diesem Jahr als Geist der verlotterten Weihnacht. Er tat es mir gleich und malte beschwingt mit seinem schwarzen Nagel des Zeigefingers ein paar Schneeflocken in die gelbe Nikotinschmiere an die Fenstern und genehmigte sich eine Flasche Glühwein, um mir danach aus seinem Mikrofon die schönsten Weihnachtslieder vorzulallen.  Zusammen standen wir an den Fenstern, jeder natürlich in seiner Wohnung mit doppelt verschlossener Tür und warteten auf das Christkind